Leitlinie 1

Der Mensch im Mittelpunkt

Das wollen wir erreichen

  • Ergebnisse der Gesundheitsforschung können zügig zu neuen Produkten, Präventions-, Diagnose- und Therapieansätzen entwickelt werden, weil Gesellschaft, Wissenschaft, Wirtschaft und Regulatorik eng kooperieren.
  • Alle Menschen nehmen am medizinischen Fortschritt teil, weil die unterschiedlichen Lebensumstände der Menschen von vornherein mitbedacht werden.
  • Gesundheitsinnovationen orientieren sich stärker an den Bedürfnissen der Menschen, weil Rückmeldungen aus der Praxis kontinuierlich und umfassend in Forschung und Entwicklung eingebunden werden.

Wir machen den Zugang zu wirksamen Gesundheitsinnovationen für alle Menschen zur Richtschnur unserer Forschungsförderung. Dabei berücksichtigen wir auch die Bedürfnisse der Menschen in Entwicklungsländern sowie die wachsenden grenzüberschreitenden Gesundheitsrisiken und die enge Verknüpfung der Gesundheit von Mensch, Tier und Umwelt („One-Health“-Ansatz).

# Forschung muss den Menschen helfen

Erfolgreich ist Gesundheitsforschung dann, wenn neue Erkenntnisse im Versorgungsalltag, in Arztpraxen und Krankenhäusern und in den unterschiedlichen Lebenswelten genutzt werden und damit den Menschen zugutekommen, sei es als Arzneimittel, Medizinprodukt oder neue Untersuchungs- oder Behandlungsmethode, sei es als Behandlungsleitlinie für Ärztinnen und Ärzte oder als Präventionsmaßnahme. Dieser Translationsprozess ist komplex und gelingt, wenn alle relevanten Akteurinnen und Akteure ihn gemeinsam vorantreiben und eng kooperieren.

Translation ist weltweit das große Leitziel der Gesundheitsforschung und wird mit der Forschungsförderung der Bundesregierung umfassend unterstützt. Wesentlicher Meilenstein dabei war die Gründung von sechs Deutschen Zentren der Gesundheitsforschung.

Seitdem hat sich das Verständnis über die Vorgänge und Zusammenhänge der Translation weiterentwickelt. So findet im gelingenden Innovationsprozess oft eine kontinuierliche Rückkopplung von Forschung und Entwicklung mit den Anwenderinnen und Anwendern aus der Praxis im Sinne eines Kreislaufs statt:

Vereinfachte Darstellung des Translations-kreislaufs: In der Realität können auch einzelne Phasen der Translation übersprungen werden. Zudem findet Interaktion nicht nur linear statt, sondern zunehmend komplex vernetzt zwischen den Akteurinnen und Akteuren aller Phasen.

© BMBF

Neue Produkte sowie Präventions-, Diagnose- und Therapieansätze müssen im Einklang mit den Bedürfnissen und Wünschen der Zielgruppen stehen. Dafür müssen sie auch aktiv eingebunden werden. Die wissenschaftlich-technologische Sichtweise und die lebenspraktische Perspektive der Betroffenen und des medizinischen Fachpersonals müssen sich ergänzen, damit mit und nicht nur über Menschen geforscht wird.

Erfolgreiche Translation berücksichtigt dabei auch die sozialen und lokalen Umstände sowie die realen Gegebenheiten. Beispielsweise haben Menschen in Europa und in Entwicklungsländern unterschiedliche Bedürfnisse und Versorgungsbedingungen. Zudem fehlt vielen Bürgerinnen und Bürgern häufig die notwendige Gesundheitskompetenz, um Gesundheitsinformationen finden, verstehen, einschätzen und nutzen zu können.

# Neue Wege der Translation

Auch die klassische Abfolge der einzelnen Forschungsetappen, von der Grundlagen- über die präklinische Forschung bis zur klinischen Forschung (siehe Abbildung), wird zunehmend aufgebrochen, indem der Innovationsprozess einzelne Stufen überspringt. Ein Beispiel dafür ist die Genschere: Sie zeigt, wie neue Erkenntnisse binnen fünf Jahren den Sprung von der Grundlagenforschung direkt zu möglicher Anwendung schaffen können.

Individualisierte, innovative Therapieverfahren, die auf einzelne Patientinnen und Patienten und deren Gene oder Immunzellen ausgerichtet sind, werden von Start-ups und großen Pharmaunternehmen „ unmittelbar am Krankenbett“ gemeinsam mit Ärztinnen und Ärzten individuell auf jeden Patienten und jede Patientin zugeschnitten.

Die Erfahrungen mit diesen neuen Wegen in der Translation werden dazu beitragen, noch wirkungsvollere Ansätze zur Verbesserung der Translation zu finden und einzusetzen.

Voraussetzung für gelingende Translation ist die Bereitschaft der Forschenden, sich frühzeitig mit den Anforderungen auseinanderzusetzen, die eine weitere Nutzung ihrer Ergebnisse ermöglicht: Ergebnisse aus der akademischen Forschung müssen für die weitere Nutzung und Verwertung nicht nur hochwertig und valide, sondern auch in sehr hohem Maße qualitätsgesichert sein. Die Grundlage dafür, dass neue Methoden in der ärztlichen Versorgung eingesetzt werden können, ist der evidenzbasierte Nachweis ihres Nutzens, der wissenschaftliche Beleg dafür, dass ihre Wirksamkeit sichergestellt ist. Ebenso ist auch bei neuen Maß-nahmen der Prävention und Gesundheitsförderung deren Wirksamkeit wissenschaftlich zu belegen.

Zur Translation von Forschungsergebnissen in die Praxis gehört auch, dass Forschende der breiten Öffentlichkeit die Chancen, aber auch die Risiken der modernen Biomedizin verständlich vermitteln.

Daher setzt sich das Bundesministerium für Bildung und Forschung für eine Intensivierung der Wissenschaftskommunikation in der Gesundheitsforschung ein. Eine offene und informierte Auseinandersetzung der Bürgerinnen und Bürger mit Forschung und Innovation trägt dazu bei, das Vertrauen der Menschen in die Wissenschaft zu stärken und die Gesundheitskompetenz der Menschen zu erhöhen.